Rede im Römer am 28. Juni 2017

Sehr geehrte Frau Stadträtin Weber, vielen Dank für die erneute Einladung zum Christopher Street Day in Frankfurt hier in den Römer und vielen Dank, dass Sie uns an diesem Tage empfangen haben.

liebe Community – liebe Menschen!

„Seit wann ist Ficken Kultur? „

Das fragte ein damaliger Arbeitskollege – ich befand mich gerade in einer Ausbildung – zur Eröffnung des lesbisch-schwulen Kulturhauses im Mai 1991 und keinesfalls meinte er es freundlich. Das war wohl das erste Mal, dass ich mit wirklichen direkten Ressentiments gegenüber Schwulen und Lesben konfrontiert war – und ich parierte gut, soweit ich das erinnern kann.

Die Frage aber stellt sich heute fast schon wieder, wenn man die vielen Posts und Anmerkungen  ließt, die fast angeekelt über eine Demo-Parade geäußert werden, in denen sich – zugegebenermaßen schwule Männer – eben von dieser sexuellen und lustvollen Seite präsentieren. Aufgetakelt oder auch abgetakelt, sexy, bunt, lebensfroh und, ja, auch sexuell. Viele sehen in einer solchen Bloßstellung gar den Untergang der Akzeptanz der queeren Community. Familie, Heiraten, Kinder – das scheint das neue queere Bild zu sein, das man zeichnen möchte. Aus einem kann wird ein muss, ansonsten ekelt und schämt man sich.

25 Jahre CSD, das bedeutet für jede und jeden eine individuelle Geschichte. Eine Geschichte, die sich nicht an den Motti oder anderen Gegebenheiten festmachen lässt.

Meine Geschichte beginnt 1993, da war von einer Ehe für alle noch nicht die Rede. Es war der zweite CSD, der damals noch anders hieß. Ich lebte das erste Mal von Zuhause weg in einer schwulen WG in Hainburg. Wir gingen auf den CSD und bekamen gleich rosa- oder hellblaufarbene kleine Fähnchen in die Hand gedrückt. Mit denen marschierten wir durch Frankfurt und über die Zeil. Es war recht aufregend, das erste Mal als schwuler Mann für Rechte zu demonstrieren.

Mein nächstes Erlebnis war 2005. Hier war es eine Kollegin, die auf meine Kritik hin, dass der CSD langweilig sei, meinte: „Da kimmste mal ins Backstage.“ Ich wusste weder, was ein Backstage war, noch, dass ich es mit einer waschechten Aktivistin und CSD-Veteranin zu tun hatte, mit Käthe Fleckenstein. Sie hat mich zum CSD gebracht – und meinen Freund Uwe ebenso. Ich staunte über die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, die in diesem Backstage herrschten und vor allem erlebte ich eine Schweigeminute, die mich nachhaltig beeindruckte. Von vorne schien sie peinlich und unangenehm. Hier im Backstage sah ich weinende Menschen und musste selbst weinen.

Das Jahr darauf war ich nochmals als Gast, dann als Künstler und schließlich als Redner für die Schweigeminute selbst auf dem CSD – Rainer Gütlich fragte mich und für mich war es eine Ehre, ist es noch heute. Rainer übrigens verzog sich während der Schweigeminute immer in seinen Container. Niemand weiß, was er dort tat, aber vermutlich war er da der Mensch, den man außerhalb dieses Containers auf der Konstablerwache nie sah. Mittlerweile lernte ich Rainer Gütlich besser kennen, wir kochten zusammen, redeten und – gaben ihm Recht. Denn das war das einzige, was ein Rainer Gütlich akzeptierte. Er war auch schlicht zu schlau, als das man so einfach gegen ihn hätte argumentieren können. Sogar er selbst konnte gegen seine Logik selten anrennen, was ihn zwei Jahre später das Leben kostete. Es schien logisch, diesem nun ein Ende zu setzen. Wir konnten nur noch zuschauen, wie man ihn aus seiner Wohnung heraustrug. Das war der Tiefpunkt meiner CSD Erlebnisse. In diesem Jahr erlebten wir einen CSD durch einen Schleier der Trauer und des Versagens – einen Menschen nicht retten gekonnt zu haben.

Der CSD wurde immer schwieriger zu veranstalten. Mit der Ankunft in der Mitte der Gesellschaft, wurde er auch für Sponsoren nicht mehr allzu interessant. Das war er übrigens nie wirklich – entgegen der sogar heute noch teilweise aufkochenden Gerüchte, der CSD sei eine Goldgrube. Für Rainer war er eine Notwendigkeit, an der er keinerlei finanzielle Interessen hegte. Ebenso wenig Anika Pilger, die stets an Rainers Seite war, die die Gütlich Event schon ab 2008 führte und den CSD nach Rainers Tod alleine weiter veranstaltete, bis es eben nicht mehr ging. Und auch dann überführte sie den CSD in einen Verein, um ihm eine neue Obhut zu geben. Ohne ihre Beharrlichkeit gäbe es diesen CSD heute nicht. DANKE!

Und es gab viele, die uns, dem alten CSD-Team und ihr halfen, die nicht zusehen wollten, wie – zumal zum 20. Mal – kein CSD stattfinden würde. Claudia Bubenheim, Peter Kümmel, Ralf Bareuter, Dirk Schicke, Reinhard Dietmann, sowieso Mann der ersten Stunde, und viele andere unterstützten den neu gegründeten Verein und sicherten gemeinsam seine weitere Existenz. Mittlerweile gibt es kein alt und kein neu mehr.

Ich begleite den CSD seit 5 Jahren als Pressesprecher, versuche seine Ziele zu formulieren, dem CSD ein – nicht mein – Gesicht zu geben. Das klappt mal gut, mal weniger.

Da war zum Beispiel das vergangene Jahr und der CSD mit seinem angestrebten Schlachtruf Lieb Geil, begleitet vom Rosa Hitler. Es war nicht angenehm, per Pressemitteilung angegriffen zu werden, mit Einkesselungsdrohungen während der Demo bedroht und per mail beleidigt zu werden – von den eigenen Leuten wohlgemerkt.

Aber dieses Jahr 2016 hat vor allem eines gezeigt: Es hat gezeigt, wie verdammt lebendig diese Community sein kann, wenn es ihr wichtig ist. Man mag darüber streiten, ob alles so gut und so optimal abgelaufen ist, aber das tut es doch nie, wenn Mensch emotional ist. Und insofern war es für mich ein Zeichen, dass wir leben, dass wir Lust auf Diskurs haben und dass diese Community noch lange nicht tot ist, wie es manche schon sehen.

Diese Kommune, in der nur Friede, Freude, Eierkuchen ist, die gibt es nicht – allenfalls in verklärten Berichten von Menschen, die selbst nie in einer WG gewohnt haben. Nein, für das gleiche einzustehen heißt nicht, immer auch gleicher Meinung sein zu müssen, schon gar nicht über die Vorgehensweise, wie die Dinge zu erreichen sind.

Letztes Jahr hat Frankfurts Commuity gezeigt, dass sie lebt. Da wurde eben auch mal gestritten, das ein oder andere blaue Auge gehauen, aber das ist es am Ende doch auch, was politische Arbeit ausmacht. Und diese Streitlust müssen wir uns bewahren, zumal wir zukünftig vor weitaus schwierigeren Aufgaben stehen.

Wer hätte vor zwei Tagen, geschweige denn vor 25 Jahren gedacht, dass Angela Merkel auch anderen ein Bauchgefühl zugesteht und sie danach abstimmen lassen will. Wohl wissend, dass damit die Ehe für alle am kommenden Freitag vermutlich besiegelt sein wird  – ziemlich genau 48 Jahre nach den Aufständen in der Christopher Street in New York.

Aber es bleiben noch weitere Kämpfe auszufechten, beispielsweise für die Rechte von Trans-Menschen.

Danach und auch jetzt schon sind es vor allem die Dinge, für die wir werben und einstehen müssen die kein Gesetzgeber vorschreiben kann: Respekt und ich will es mal pathetisch ausdrücken: Nächstenliebe.

Die allerdings kann man nicht erzwingen, und vor allem muss man selbst bereit sein, sie zu geben. Das bedeutet vor allem, den anderen nicht trotz, sondern wegen seiner Fehler zu lieben.

Ich erlebe derzeit eine Unversöhnlichkeit wegen Kleinigkeiten, falsch gewählter Worte oder nicht gewusster Dinge über den anderen.

Wir müssen solchen Unwissenheiten mit Aufklärung und nicht mit Vorwurf begegnen. Wir müssen MITeinander streiten – nicht gegeneinander. Die Probleme von Transmenschen beispielsweise sind vielen Nicht Trans Menschen fremd. Sie kennen Sie nicht oder können sie schwer nachvollziehen. Umso mehr sind wir auf den Input und die Aufklärung durch euch angewiesen, denn ihr könnt am besten, ja, ihr müsst erzählen, was ihr braucht. Hier im Römer fand dies vor drei Jahren bereits statt.

Und vor allem: Unsere Werte – Respekt und Akzeptanz – dürfen zur Durchsetzung einer politischen Korrektheit nicht geopfert werden. Denn dann werden sie zur Farce. Vielmehr sollten wir zur Versöhnung aufrufen, untereinander wie nach außen.

Und wir sollten uns mit unserer Kultur versöhnen. Ich möchte den Kreis schließen, den ich eingangs eröffnet habe. Als ich 1993 in das queere Leben eintrat, da schien es natürlich seine Sexualität, seine Präferenz offen zu zeigen. Man war fast trotzig stolz, dass man sich das traute, es war wie ein Alleinstellungsmerkmal, so offen damit umzugehen und ich glaube, dass so mancher nicht queerer Mensch uns darum auch etwas beneidete.

Ich selbst lebe in einer polyamoren Beziehung mit zwei Partnern und kenne nicht wenige, die wieder andere Konzepte für sich in Anspruch nehmen. Ob ich als hetrosexueller Mann so einfach Zugang zu dem Partnerschaftsmodell meiner Wahl gefunden hätte ist Spekulation. Aber die Offenheit, die ich in der queeren Community nach meinem coming Out erlebt habe, hat es mir sicher leichter gemacht, frei von Konventionen noch heute zu wählen, was in dieser Beziehung gut für mich ist.

Auch glaube ich, dass so manches unserer Lebens- und Partnerschaftskonzepte gerne kopiert wurden und werden.

Beides hat seinen Reiz und wir sollten beides respektieren und als Angebot begreifen. Eine offene Sexualität, der offene Umgang damit, gehört für mich zu einer liberalen Gesellschaft, genauso wie  das Recht, die Ehe einzugehen, als schwules oder lesbisches Paar, gleich ob Inter- Trans, Bi oder CIS, Kinder zu erziehen und ein ganz normales oder auch verrücktes Familienleben zu führen. Ab Freitag gehört die Einforderung dieses Rechts hoffentlich, nein, bestimmt, der Vergangenheit an.

Lassen Sie mich zum Schluss noch einen Dank formulieren. Dank an Schwarz-rot-grün für die Aufnahme der Förderung des CSD in Ihren Koalitionsvertrag. Dank an Frau Sylvia Weber für die Freigabe von 10.000 Euro, die uns helfen, die Sichtbarkeit unserer Community auch weiterhin gewährleisten zu können und Dank an das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten, über die die Förderung getätigt wurde – auch für die konstruktive Zusammenarbeit in diesem und hoffentlich auch in den nächsten Jahren.

Ich wünsche unsere Gemeinschaft, dass sie es schafft, Ihre Offenheit zu behalten, sie nach außen zu tragen und sich auch mit denen versöhnlich zu zeigen, die es eben anders sehen, drinnen wie draußen. Wir brauchen diese lesbische, schwule, trans- und inter-Diversität – heute mehr denn je. Der CSD wird sich verändern, er muss sich verändern und dazu brauchen wir alle erdenklichen Kräfte und Ideen. Der Verein steht allen Menschen offen, die konstruktiv an dieser Zukunft mitarbeiten wollen.

In diesem Sinne lasst uns einen versöhnenden CSD feiern und der Welt zeigen, worum es wirklich geht

Happy Pride.