Eckstein, Eckstein

Alte Bilder laufen vor meinem Auge ab, die Chronik des CSD schaue ich mir gerade an, einfache Wagen, kleine Bühne, tanzende Menschen, wie aus einer anderen Welt, eine Welt, in der ich auch mal unterwegs war. Ich erinnere mich an das Bermudadreieck vor 20 Jahren. Samstags. Nachts. Vom Luckies (eines der wenigen überlebenden) ins Tonight. Danach ins Construction 5. Drogen, wer wollte, Tanzen, wer konnte, Darkroom, ausgelassen, jeder wie er mochte. Heute schaue ich in eine öde Häuserschlucht, wo einst das schwule Bermudadreick war. Damals gingen Menschen verschollen und wurden erst morgens wieder ausgespuckt. Heute steht das Bermudadreick für die verschluckten Kneipen, in denen Mann (und Frau) sich getroffen haben. Ausgespuckt wurden sie allerdings nicht mehr. Und so mancher Partysan auch nicht. Mama Hesselbach blieb dort, in ihrem legendären Blue Angel und so manch weniger Prominente eben auch.

Manchmal habe ich heute den Reflex, eine Kaffee trinken gehen zu wollen, in einem Café, in dem Mann sich trifft. Fehlanzeige. Das Internet, heißt es, habe sie geschluckt. Man verabrede sich auf den blauen Seiten, oder den gelben oder den schwarzen. Das tue ich auch. Aber das ist nicht das selbe. Die Kneipen bedeuteten Zusammenhalt, als Zusammenhalt noch nötig war. Man kannte sich, man grüßte sich und man stritt sich, lästerte übereinander und vertrug sich. Im Chat muss man das nicht. Man sieht sich, man fickt sich, man verabschiedet sich. Wenn’s gut läuft. Für Lästern fehlt die Zeit und das Forum und die Lust. Und die Nähe. Heute macht man da eher mal einen Shitstorm, weil man sich wieder mal über was oder wen empört.

Ich vermisse es, die Türen des Cafés zu öffnen, gespannt zu sein, wer dahinter sitzt, welche Musik gespielt wird, wer hinschaut und wer wegschaut. Ich vermisse die Überraschung, die heute durch Whats App genommen wird und nur noch durch einen leeren Akku möglich, wenn auch bedrohlich wird. Ich vermisse die lauen Morgen, durch die ich im heiteren Nebel nach Hause lief, politisch in vielerlei Hinsicht völlig unkorrekt, unpolitisch aber unbezahlbar und wunderschön.

Ich vermisse die Zeiten, in denen es noch kein Facebook gab, in denen irgendein Politiker in Obergresselthal noch sagen konnte, dass er Schwule doof findet, ohne dass man sich gleich darum kümmern, sich empören, echauffieren oder gar ein weltweites Politikum durchsetzen musste. Zeiten, in denen man nicht gleich Petitionen unterzeichnen musste, sondern ein spöttisch zurückgerufenes „Du doofer Hetero“ noch genügte, um dem zu begegnen. Plump. Aber auch irgendwie stolz.

Es waren die Zeiten, in denen AIDS noch ein Schrecken und nicht ein Geschäft war und man wusste für was man zu kämpfen hatte, weil man real Freunde verlor und trauerte und Prioritäten setzen konnte. Heute werden die Prioritäten täglich gesetzt, stündlich und minütlich, von den Gazetten, den Internetforen, den Trollen und Trollinen, aus Russland und aus Obergresselthal.

Damals war man noch schwul, einfach und schmutzig, fand Sex toll und sagte das auch ohne Scham. Heute ist man ein offiziell ein asexuelles Politikum, ständig darauf bedacht, sich zu positionieren und nicht nur sich, sondern auch alle anderen, die auch anders sind und aus unserer Sicht positioniert werden müssen. Heute ist man Mainstream, verpartnert sich und findet’s auch nicht mehr unschicklich, die zu wählen, die einen ganz offiziell nicht mögen. Man ist bürgerlich und will mit denen, die, die es (noch) nicht sind, nicht mehr in einen Topf geworfen werden. Unter der Oberfläche, klar, da brodelt’s, aber das soll das saubere Bild vom sauberen Schwulen bitte nicht mehr tangieren. das geht doch keinen was an.

„Eckstein, Eckstein, musst Du noch versteckt sein?“ Das Motto war doof. Stimmt. Es hätte heißen müssen: „Eckstein, Eckstein, musst Du wieder versteckt sein?“ Wir drohen, abzutauchen, aber nicht in die Verstecke, die Parks, die schummrigen Kneipen, in denen man Angst haben musste, vom guten Bürgertum entdeckt, denunziert und bestraft zu werden, sondern wir tauchen in genau das Bürgertum ab, das uns und das auch wir einst verschmäht haben. Aus gutem Grunde. „In der Mitte abgekommen“, nennen wir das dann, was manchmal auch stimmt, aber eben längst nicht immer.

Nein, früher war nicht alles besser. Das stimmt so auch nicht. Die Welt war vielleicht etwas einfacher, etwas übersichtlicher, etwas naiver, etwas schwarz-weißer. Sie war etwas enger und manchmal dadurch auch kuscheliger. Nicht immer. Der Tellerrand, über den man schauen musste, war nicht so weit weg und nicht so hoch. Und man wusste, dass der Mensch, mit dem man flirtet, nicht irgendwo saß, sondern einem direkt gegenüber. Und es war ehrlicher, es war direkter, es war weniger empört und es war vor allem näher. Näher am anderen und näher an sich.

Diese Nähe fehlt, finde ich und finden andere. Ob’s wieder so werden kann? Nein. Aber anders, anders als damals und anders als heute. Morgen eben. Ab dem 17. Juli dann wieder auf der Konstablerwache in Frankfurt für drei tage. Daran hat sich dann wenigstens nichts geändert. (jl)