Grußwort des CSD Deutschland

Wir haben die Wahl !

2017 steht wie seit langem kein Jahr mehr im Fokus von Wahlentscheidungen. Dabei klingt noch der doppelte Donnerhall mit Brexit und Trump aus dem Vorjahr nach. Österreich, die Niederlande und die Türkei zeigen wie breit und gespalten die Gesellschaft ist und bei uns weisen die Landtagswahlen im Saarland, in Scheswig-Holstein und NRW den Weg zur Bundestagswahl im September. Wieso ist diese Wahl überhaupt noch wichtig? Haben wir nicht mit der Öffnung der Ehe auch für homosexuelle Paare nun alles erreicht?

16 Jahre lang wurde jeder Schritt in diese Richtung durch die CDU-geführten Bundesregierungen blockiert. Anpassungen fanden lediglich auf Druck des Bundesverfassungsgerichtes statt. Doch nachdem jeder mögliche Koalitionspartner die Öffnung der Ehe zum unverzichtbaren Bestandteil ihrer Programme erklärt hat, hat die Kanzlerin dieses Thema noch in der letzten Plenarwoche abgeräumt.
So erfreulich das Ergebnis ist, so sehr ist es doch auch Verpflichtung, weiterzumachen.

Die vielen Kommentare im Vorfeld und im Nachhinein zeigen uns deutlich, dass ein großer Teil der Bevölkerung homosexuelle Menschen als minderwertig und ungleich ansieht. Selbst im Parlament schreckten CDU und CSU nicht davor zurück dies explizit zu sagen. Der Vorgang zeigte uns auch, dass wir von einer wohlgesonnenen Mehrheit abhängig sind. Das letztlich ein großer Teil der CDU-Abgeordneten dafür gestimmt hat, hatte die letzten Jahre leider keine spürbaren Auswirkungen.

Auch eine Novellierung des Transsexuellengesetzes ist mehr als überfällig, von der Ergänzung des Artikel 3 Grundgesetz um das Merkmal der der sexuellen Orientierung ganz zu schweigen. Eben, damit unsere Gleichberechtigung nicht zum Spielball von Mehrheiten wird.

Deshalb sind wir auch weiterhin gefordert auf die Straße zu gehen und lautstark einzufordern, was unser Menschenrecht ist. Deshalb ist jeder CSD wichtig für unser Land – ganz egal ob er 200 oder 500.000 Menschen erreicht! Wir müssen uns zeigen und hör- und sichtbar sein. Wir dürfen den Rollback-Bewegungen von Rechts nicht im Vertrauen auf die Vernunft der schweigenden Mehrheit stumm zusehen. Jede und jeder steht in der Verantwortung für eine freie, offene und demokratische Gesellschaft einzustehen und zu demonstrieren.

Beim CSD auf der Strasse und im Wahllokal. Auch wenn die großen Parteien uns dauerhaft enttäuscht haben und unser Glaube in Wahlprogramme und Versprechungen gerade im Wahljahr gegen Null geht, ist es immens wichtig gerade jetzt unsere Stimme zu erheben und abzugeben – für Demokratie und Vielfalt. Für Akzeptanz statt Toleranz.

Wir wünschen den CSDs und Ihren Organisatoren eine erfolgreiche, spannende, bunte und politisch fruchtbare Christopher-Street-Day Saison.

CSD Deutschland e.V.

Rede im Römer am 28. Juni 2017

Sehr geehrte Frau Stadträtin Weber, vielen Dank für die erneute Einladung zum Christopher Street Day in Frankfurt hier in den Römer und vielen Dank, dass Sie uns an diesem Tage empfangen haben.

liebe Community – liebe Menschen!

„Seit wann ist Ficken Kultur? „

Das fragte ein damaliger Arbeitskollege – ich befand mich gerade in einer Ausbildung – zur Eröffnung des lesbisch-schwulen Kulturhauses im Mai 1991 und keinesfalls meinte er es freundlich. Das war wohl das erste Mal, dass ich mit wirklichen direkten Ressentiments gegenüber Schwulen und Lesben konfrontiert war – und ich parierte gut, soweit ich das erinnern kann.

Die Frage aber stellt sich heute fast schon wieder, wenn man die vielen Posts und Anmerkungen  ließt, die fast angeekelt über eine Demo-Parade geäußert werden, in denen sich – zugegebenermaßen schwule Männer – eben von dieser sexuellen und lustvollen Seite präsentieren. Aufgetakelt oder auch abgetakelt, sexy, bunt, lebensfroh und, ja, auch sexuell. Viele sehen in einer solchen Bloßstellung gar den Untergang der Akzeptanz der queeren Community. Familie, Heiraten, Kinder – das scheint das neue queere Bild zu sein, das man zeichnen möchte. Aus einem kann wird ein muss, ansonsten ekelt und schämt man sich.

25 Jahre CSD, das bedeutet für jede und jeden eine individuelle Geschichte. Eine Geschichte, die sich nicht an den Motti oder anderen Gegebenheiten festmachen lässt.

Meine Geschichte beginnt 1993, da war von einer Ehe für alle noch nicht die Rede. Es war der zweite CSD, der damals noch anders hieß. Ich lebte das erste Mal von Zuhause weg in einer schwulen WG in Hainburg. Wir gingen auf den CSD und bekamen gleich rosa- oder hellblaufarbene kleine Fähnchen in die Hand gedrückt. Mit denen marschierten wir durch Frankfurt und über die Zeil. Es war recht aufregend, das erste Mal als schwuler Mann für Rechte zu demonstrieren.

Mein nächstes Erlebnis war 2005. Hier war es eine Kollegin, die auf meine Kritik hin, dass der CSD langweilig sei, meinte: „Da kimmste mal ins Backstage.“ Ich wusste weder, was ein Backstage war, noch, dass ich es mit einer waschechten Aktivistin und CSD-Veteranin zu tun hatte, mit Käthe Fleckenstein. Sie hat mich zum CSD gebracht – und meinen Freund Uwe ebenso. Ich staunte über die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, die in diesem Backstage herrschten und vor allem erlebte ich eine Schweigeminute, die mich nachhaltig beeindruckte. Von vorne schien sie peinlich und unangenehm. Hier im Backstage sah ich weinende Menschen und musste selbst weinen.

Das Jahr darauf war ich nochmals als Gast, dann als Künstler und schließlich als Redner für die Schweigeminute selbst auf dem CSD – Rainer Gütlich fragte mich und für mich war es eine Ehre, ist es noch heute. Rainer übrigens verzog sich während der Schweigeminute immer in seinen Container. Niemand weiß, was er dort tat, aber vermutlich war er da der Mensch, den man außerhalb dieses Containers auf der Konstablerwache nie sah. Mittlerweile lernte ich Rainer Gütlich besser kennen, wir kochten zusammen, redeten und – gaben ihm Recht. Denn das war das einzige, was ein Rainer Gütlich akzeptierte. Er war auch schlicht zu schlau, als das man so einfach gegen ihn hätte argumentieren können. Sogar er selbst konnte gegen seine Logik selten anrennen, was ihn zwei Jahre später das Leben kostete. Es schien logisch, diesem nun ein Ende zu setzen. Wir konnten nur noch zuschauen, wie man ihn aus seiner Wohnung heraustrug. Das war der Tiefpunkt meiner CSD Erlebnisse. In diesem Jahr erlebten wir einen CSD durch einen Schleier der Trauer und des Versagens – einen Menschen nicht retten gekonnt zu haben.

Der CSD wurde immer schwieriger zu veranstalten. Mit der Ankunft in der Mitte der Gesellschaft, wurde er auch für Sponsoren nicht mehr allzu interessant. Das war er übrigens nie wirklich – entgegen der sogar heute noch teilweise aufkochenden Gerüchte, der CSD sei eine Goldgrube. Für Rainer war er eine Notwendigkeit, an der er keinerlei finanzielle Interessen hegte. Ebenso wenig Anika Pilger, die stets an Rainers Seite war, die die Gütlich Event schon ab 2008 führte und den CSD nach Rainers Tod alleine weiter veranstaltete, bis es eben nicht mehr ging. Und auch dann überführte sie den CSD in einen Verein, um ihm eine neue Obhut zu geben. Ohne ihre Beharrlichkeit gäbe es diesen CSD heute nicht. DANKE!

Und es gab viele, die uns, dem alten CSD-Team und ihr halfen, die nicht zusehen wollten, wie – zumal zum 20. Mal – kein CSD stattfinden würde. Claudia Bubenheim, Peter Kümmel, Ralf Bareuter, Dirk Schicke, Reinhard Dietmann, sowieso Mann der ersten Stunde, und viele andere unterstützten den neu gegründeten Verein und sicherten gemeinsam seine weitere Existenz. Mittlerweile gibt es kein alt und kein neu mehr.

Ich begleite den CSD seit 5 Jahren als Pressesprecher, versuche seine Ziele zu formulieren, dem CSD ein – nicht mein – Gesicht zu geben. Das klappt mal gut, mal weniger.

Da war zum Beispiel das vergangene Jahr und der CSD mit seinem angestrebten Schlachtruf Lieb Geil, begleitet vom Rosa Hitler. Es war nicht angenehm, per Pressemitteilung angegriffen zu werden, mit Einkesselungsdrohungen während der Demo bedroht und per mail beleidigt zu werden – von den eigenen Leuten wohlgemerkt.

Aber dieses Jahr 2016 hat vor allem eines gezeigt: Es hat gezeigt, wie verdammt lebendig diese Community sein kann, wenn es ihr wichtig ist. Man mag darüber streiten, ob alles so gut und so optimal abgelaufen ist, aber das tut es doch nie, wenn Mensch emotional ist. Und insofern war es für mich ein Zeichen, dass wir leben, dass wir Lust auf Diskurs haben und dass diese Community noch lange nicht tot ist, wie es manche schon sehen.

Diese Kommune, in der nur Friede, Freude, Eierkuchen ist, die gibt es nicht – allenfalls in verklärten Berichten von Menschen, die selbst nie in einer WG gewohnt haben. Nein, für das gleiche einzustehen heißt nicht, immer auch gleicher Meinung sein zu müssen, schon gar nicht über die Vorgehensweise, wie die Dinge zu erreichen sind.

Letztes Jahr hat Frankfurts Commuity gezeigt, dass sie lebt. Da wurde eben auch mal gestritten, das ein oder andere blaue Auge gehauen, aber das ist es am Ende doch auch, was politische Arbeit ausmacht. Und diese Streitlust müssen wir uns bewahren, zumal wir zukünftig vor weitaus schwierigeren Aufgaben stehen.

Wer hätte vor zwei Tagen, geschweige denn vor 25 Jahren gedacht, dass Angela Merkel auch anderen ein Bauchgefühl zugesteht und sie danach abstimmen lassen will. Wohl wissend, dass damit die Ehe für alle am kommenden Freitag vermutlich besiegelt sein wird  – ziemlich genau 48 Jahre nach den Aufständen in der Christopher Street in New York.

Aber es bleiben noch weitere Kämpfe auszufechten, beispielsweise für die Rechte von Trans-Menschen.

Danach und auch jetzt schon sind es vor allem die Dinge, für die wir werben und einstehen müssen die kein Gesetzgeber vorschreiben kann: Respekt und ich will es mal pathetisch ausdrücken: Nächstenliebe.

Die allerdings kann man nicht erzwingen, und vor allem muss man selbst bereit sein, sie zu geben. Das bedeutet vor allem, den anderen nicht trotz, sondern wegen seiner Fehler zu lieben.

Ich erlebe derzeit eine Unversöhnlichkeit wegen Kleinigkeiten, falsch gewählter Worte oder nicht gewusster Dinge über den anderen.

Wir müssen solchen Unwissenheiten mit Aufklärung und nicht mit Vorwurf begegnen. Wir müssen MITeinander streiten – nicht gegeneinander. Die Probleme von Transmenschen beispielsweise sind vielen Nicht Trans Menschen fremd. Sie kennen Sie nicht oder können sie schwer nachvollziehen. Umso mehr sind wir auf den Input und die Aufklärung durch euch angewiesen, denn ihr könnt am besten, ja, ihr müsst erzählen, was ihr braucht. Hier im Römer fand dies vor drei Jahren bereits statt.

Und vor allem: Unsere Werte – Respekt und Akzeptanz – dürfen zur Durchsetzung einer politischen Korrektheit nicht geopfert werden. Denn dann werden sie zur Farce. Vielmehr sollten wir zur Versöhnung aufrufen, untereinander wie nach außen.

Und wir sollten uns mit unserer Kultur versöhnen. Ich möchte den Kreis schließen, den ich eingangs eröffnet habe. Als ich 1993 in das queere Leben eintrat, da schien es natürlich seine Sexualität, seine Präferenz offen zu zeigen. Man war fast trotzig stolz, dass man sich das traute, es war wie ein Alleinstellungsmerkmal, so offen damit umzugehen und ich glaube, dass so mancher nicht queerer Mensch uns darum auch etwas beneidete.

Ich selbst lebe in einer polyamoren Beziehung mit zwei Partnern und kenne nicht wenige, die wieder andere Konzepte für sich in Anspruch nehmen. Ob ich als hetrosexueller Mann so einfach Zugang zu dem Partnerschaftsmodell meiner Wahl gefunden hätte ist Spekulation. Aber die Offenheit, die ich in der queeren Community nach meinem coming Out erlebt habe, hat es mir sicher leichter gemacht, frei von Konventionen noch heute zu wählen, was in dieser Beziehung gut für mich ist.

Auch glaube ich, dass so manches unserer Lebens- und Partnerschaftskonzepte gerne kopiert wurden und werden.

Beides hat seinen Reiz und wir sollten beides respektieren und als Angebot begreifen. Eine offene Sexualität, der offene Umgang damit, gehört für mich zu einer liberalen Gesellschaft, genauso wie  das Recht, die Ehe einzugehen, als schwules oder lesbisches Paar, gleich ob Inter- Trans, Bi oder CIS, Kinder zu erziehen und ein ganz normales oder auch verrücktes Familienleben zu führen. Ab Freitag gehört die Einforderung dieses Rechts hoffentlich, nein, bestimmt, der Vergangenheit an.

Lassen Sie mich zum Schluss noch einen Dank formulieren. Dank an Schwarz-rot-grün für die Aufnahme der Förderung des CSD in Ihren Koalitionsvertrag. Dank an Frau Sylvia Weber für die Freigabe von 10.000 Euro, die uns helfen, die Sichtbarkeit unserer Community auch weiterhin gewährleisten zu können und Dank an das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten, über die die Förderung getätigt wurde – auch für die konstruktive Zusammenarbeit in diesem und hoffentlich auch in den nächsten Jahren.

Ich wünsche unsere Gemeinschaft, dass sie es schafft, Ihre Offenheit zu behalten, sie nach außen zu tragen und sich auch mit denen versöhnlich zu zeigen, die es eben anders sehen, drinnen wie draußen. Wir brauchen diese lesbische, schwule, trans- und inter-Diversität – heute mehr denn je. Der CSD wird sich verändern, er muss sich verändern und dazu brauchen wir alle erdenklichen Kräfte und Ideen. Der Verein steht allen Menschen offen, die konstruktiv an dieser Zukunft mitarbeiten wollen.

In diesem Sinne lasst uns einen versöhnenden CSD feiern und der Welt zeigen, worum es wirklich geht

Happy Pride. (jl)

Na, wie war’s in 2016?

Zu lieb, zu laut, zu geil, zu unpolitisch, wie stehts denn um die Sicherheit, viel zu viel Gelaber auf der Bühne, was isn Satire, Liebe gegen rechts, gibts die community eigentlich noch, gabs auch was von den rechten, endlich mal wieder politischer, wir sind Orlando, gegen Muslime, ihr Nazis, keine Chance dem Rassismus, gibts noch Förderbändchen, ihr seid so toll, wo war dann die Bäpplern, ihr seid alle drogenabhängig und geistesgestört, Snap is sooo geil, wie komme ich denn ins Backstage, ich höre auf, der CSD gehört allen, voll homonormativ und male biased, ich bin doch auf eurer Seite, ach mach doch weiter, ich habe keine Zeit da mitzumachen, ihr solltet mal dies oder jenes, ich hab immer noch keine Zeit, da denken wir uns mal gemeinsam ein tolles Motto aus,  der CSD ist eingeknickt, habt ihr noch Buttons mit dem alten Motto, gut dass ihrs geändert habt, warum muss das denn immer sooo schrill sein, refugees Welcome, warum sind denn da so viele Bullen, wir sind ne geile community.

Yo, wie immer. Gut wars. (jl)

Rede im Römer Frankfurt am 28.06.2016

Sehr geehrter Herr Stadtrat Majer, vielen Dank für die erneute Einladung zum Christopher Street Day in Frankfurt hier in den Römer

sehr geehrte Damen und Herren, liebe Community!

Wenn ich mich alleine in der LSBTI*-Community umschaue, dann stelle ich fest, wie farbenfroh, wie vielfältig, wie unterschiedlich die Natur so ist, denn, ja, es ist Natur. Was denn sonst?

Und, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob diese Worte hier so erwünscht sind, so will ich doch auch mal feststellen,  dass wir in einem Land leben, in dem es heute schon möglich ist, all dies weitestgehend auszuleben und auszudrücken, bei allen wahl- und parteitaktischen Bauchschmerzen, die es so gibt. Und das, was es noch zu bearbeiten gilt, da bin ich mir sicher, wird nur noch eine Frage einer sicher auch nicht mehr allzu langen Zeit sein. Aus Politik und auch Gesellschaft, auch das nehme ich so wahr, haben wir LGBTI’s eine Unterstützung, wie wir sie uns vor vielen Jahren nicht hätten träumen lassen.

Warum ich das sage? Weil es unser aller Verdienst ist. Deshalb sind wir doch hier! Das zu negieren bedeutet, unsere Leistung zu negieren. Bei allem, was noch zu tun ist!

Sie, meine Damen und Herren aus dem bald neugewählten Stadtparlament, haben sich, wie ich lesen konnte auch das ein oder andere auf die Fahne geschrieben. Ihrem Koalitionsvertrag kann ich entnehmen, dass Sie die Frauenrechte weiter stärken werden und einen Gleichstellungaktionsplan erarbeiten wollen. Ich wundere mich immer noch, dass wir 2016 in Deutschland darüber reden müssen, dass Frauen und Männer nicht gleichgestellt sind. So gesehen ist es ein Skandal. Also nur zu!

Die AIDS-Hilfe soll  finanziell gestärkt werden. Das ist notwendig, denn die AIDS-Hilfe leistet einen wichtigen Beitrag zur Frankfurter Szene, sie bietet gerade denen, die unter anderem durch HIV vor allem sozial benachteiligt sind, einen Anlaufpunkt und ein sinnvolles Leben. Bitte unterschätzen Sie das nicht bei der Planung Ihres Haushaltes. Und auch der CSD soll berücksichtigt werden. Wir sind gespannt.

Alles in allem ist eine Investition in all diese Bereiche vor allem eine Investition in Menschen, in Gemeinschaft und in Kultur. Gehen Sie davon aus, dass jedwede Unterstützung bei uns, wie im Übrigen bei allen anderen kulturellen und gesundheitlichen Einrichtungen, gleich welcher sexuellen Identität oder Orientierung, gut aufgehoben sein werden.

Uns treibt in diesem Jahr allerdings noch etwas um, etwas dass wir genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, weil viel grundlegender finden. Es ist der Ruck nach rechts, der sich aller Orten mit teils absurden Blüten ausbreitet.

Wäre es nicht so ernst, man müsste darüber lachen, dass Parteimitglieder fordern, Homosexuelle zu zählen und zu registrieren (Corinna Herold im Thüringer Landtag 10/2015), wenn sie Gefängnisstrafen für Homosexuelle, wie sie in manchen Ländern üblich sind, gut finden (Andreas Gehlmann 06/2016 Thüringischer Landtag), wenn sie fordern, dass ‚tabuisiert sein soll, wer Homosexualität offen auslebt‘ (selbiger zu seiner Verteidigung) oder gar einer Landesregierung, die Wert auf eine vielfältige Gesellschaft legt, vorgeworfen wird, dass die “penetrante Betonung auf bunte Vielfalt” die “bewusste Abkehr vom eigenen Volk” sei (Uwe Jung, Rheinland Pfalz 06/2016).

All dies trägt zum schon immer bestehenden täglichen Rassismus bei und wir müssen aufpassen, dass es uns nicht ergeht, wie dem Frosch, den man in kaltes Wasser setzt, dass man von da an stets erwärmt. Er bemerkt die immer stärker werdende Hitze erst, wenn es zu spät ist.

Ich will betonen, dass es nicht darum geht, stets und alle Bedenken der Menschen, die mit unseren Forderungen nicht klar kommen als homophob zu bezeichnen. Einigung  kann nur im Dialog passieren.  Bewusste Zeichensetzung gegen Humanismus jedweder Art aber lehnen wir strikt ab und sehen wir auch nicht mehr als legitime freie Meinungsäußerung an.  Hetze macht nicht frei!

Der CSD Frankfurt hat für dieses Jahr den Rechtsruck in der deutschen, europäischen und weltweiten Politiklandschaft und auch der gesamten Gesellschaft als Thema aufgegriffen. Zum Thema selbst ist im Grunde bereits alles gesagt, Argumente sind ausgetauscht und kaum jemand wird glauben, in der Szene gäbe es Menschen, die das nicht so sehen. Umso mehr haben wir uns gefragt, wie wir das Thema angehen und wie wir wahrgenommen werden können.

Wir wollten mit einer Hitler-Persiflage der Frankfurter Klasse, verbunden mit dem Logo-Schriftzug „Lieb Geil“, der in einer Frakturschrift gehalten wurde, satirisch deutlich machen, dass wir einem Rechtsruck entgegensteuernmüssen, der unter Umständen die gesamte queere Politik der letzten Jahre ad absurdum führen kann.

Einige Gruppierungen wiesen uns jedoch sehr nachdrücklich auf die Schwierigkeit der Darstellung hin und riefen zum breiten Boykott des CSD auf. Auch LSBTI*-Gruppen  sahen darin eine unangemessene Symbolik und massive Verletzung der Opfer der NS-Diktatur und zogen ihre Teilnahme zurück. Schließlich wurden wir auch aus eigenen Reihen als NAZIS beschimpft und bekamen Androhungen massiver Gegendemonstrationen. Dies alles haben wir über eine Woche getragen und ertragen.

Wir haben während des gesamten Prozesses mit verschiedenen BeraterInnen aus verschiedensten auch wissenschaftlichen Richtungen gesprochen, haben natürlich auch Betroffene um Rat gebeten.

Schließlich sind wir nach reiflicher Überlegung zu der Entscheidung gekommen, die Darstellung unseres Anliegens in „Liebe gegen Rechts!“  umzuändern und auf die Persiflage zu verzichten, denn die Gefahren, die von den teils ernstzunehmenden Drohungen, auch von LSBTI*-Gruppen ausgingen, waren für uns nicht mehr einschätzbar. Und natürlich tun wir dies auch aus Respekt vor denen, die sich deutlich bedroht fühlten durch die Darstellung der Aktion. Das wollen wir auf einem CSD nicht riskieren.

Wir wollen trotzdem betonen, dass wir es, wie viele andere Befürworter der ursprünglichen Darstellung im Übrigen auch, nach wie vor für notwendig halten, ein Thema provokant darzustellen. Viele Mottos verpuffen schnell, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden,  weil sie sich eben in ein Einerlei einreihen. Das bedeutet nicht, dass alles erlaubt sein muss, was Aufmerksamkeit anzieht, es bedeutet aber, dass man durchaus Reibungen ertragen sollte, wenn es dem eigentlichen Ansinnen dient. Das ist ein Preis, den zu zahlen sich meines Erachtens lohnt.

Zukünftig werden wir die Erarbeitung eines Mottos in die Hände der Community geben, so dass es ein Motto mit breiter Zustimmung werden kann. Wir sind gespannt.

Derzeit wird nun eine breite Diskussion um das Thema, um Aufarbeitung und Konsequenzen rechter Politik geführt. In diesem Zusammenhang haben wir übrigens auch Aufforderungen bekommen, wir mögen neben den Rechten Tendenzen auch gegen die islamischen demonstrieren.

Wir stellen fest: Es gibt Ängste in der Community, Ängste, die wir nicht teilen, aber die wir nun deutlich sehen. Und so unangenehm dieses Thema ist, es zeigt uns, dass wir daran arbeiten müssen, auch innerhalb unserer Community. Die Ängste sind da und wir dürfen die Augen nicht verschließen, nur weil sie mal brennen und wir dürfen nicht gegen uns selbst kämpfen. Das ist nicht gut.

Besonders innerhalb einer Community wie der unseren, die auf ein geschlossenes Auftreten angewiesen ist, müssen wir sorgfältiger miteinander umgehen, auch wenn mal was nicht passt. Wir müssen bestimmte Regeln der Kommunikation einhalten, denn sonst kommunizieren wir irgendwann gar nicht mehr.

Leider ist auch zu befürchten, dass all diese Diskussionen genauso schnell wieder abebben wie sie aufgebrandet sind. Es liegt nun an uns allen, dieses Thema aufrechtzuerhalten, bevor es uns einholt!

Nun fordern wir alle Gruppierungen auf, die teils erstmalig mit uns in eine Diskussion eingetreten sind, sich in einer großen Zahl an der friedlichen Demonstration des Christopher Street Days am Samstag, dem 16. Juli 2016 ab 12 Uhr auf dem Römer teilzunehmen – um gegen Rechts einzutreten!

Ich möchte auch allen Danken, die uns in diesen wahrlich turbulenten Zeiten seelisch und moralisch unterstützt haben, mal angerufen, mal geschrieben haben und zwar ungeachtet dessen, wie sie das alles fanden. Und außerdem hat unser gesamtes Orgateam Stärke und Zusammenhalt bewiesen, dass es bei allem Ungemach eine Freude war, das gemeinsam zu bestehen!

Und zu guter Letzt die Worte eines wahrlich großen Diktators:

„Die Gewalttäter sind zur Macht gekommen, weil sie euch diese Dinge versprochen haben. Doch sie lügen! Sie halten ihre Versprechungen nicht. Sie werden das nie tun! Diktatoren befreien sich selbst, aber sie versklaven das Volk. Lasst uns nun dafür kämpfen, die Welt zu befreien – die nationalen Schranken niederzureißen – die Gier, den Hass und die Intoleranz beiseite zu werfen. Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft – eine Welt, in der Wissenschaft und Fortschritt zu unser aller Glück führen sollen.“

Danke Charlie Chaplin – Es lebe die Liebe

Am Sonntag in zwei Wochen, dem 6. März, finden die Kommunalwahlen in Frankfurt statt.

Christian Setzepfandt und Thomas Bäppler (Bäppi La Belle) sind sicher zwei der bekanntesten Kandidaten in der LGBTI*-Szene, die nicht nur aus der LGBTI*-Community stammen, sondern schon einiges für sie getan haben. Christian unterstützt seit mehreren Jahren den CSD im Stadtparlament als Stadtrat, aber auch als Vorstand der Aidshilfe. Bäppi La Belle ist vor allem ein Bühnen-Urgestein und treuer Begleiter des CSD und kandidiert nun erstmals für den Römer. Auch von ihm können wir sicher eine breite Unterstützung erwarten.

Doch es gibt noch einige andere KandidatInnen, die nicht nur aus der Szene stammen, sondern diese ebenso sehr unterstützen, und das in den unterschiedlichsten Fragen. Wir haben für euch alle uns bekannten KandidatInnen aufgeführt, die öffentlich sich Pro-LGBTI* einsetzen.

Die Grünen

  • Manuel Stock (Listenplatz 2, Spitzenkandidat und Fraktionsvorsitzender)
  • Jessica Purkhardt (Listenplatz 11, Stadtverordneter)
  • Dimitrios Bakakis (Listenplatz 14, Sprecher Landesarbeitsgemeinschaft QueerGRÜN und Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat Bergen-Enkheim)
  • Beatrix Baumann (Listenplatz 15, Stadtverordnete)
  • Natascha Kauder (Listenplatz 19, Stadtverordnete und Sprecherin Landesarbeitsgemeinschaft QueerGRÜN )
  • Ralf Jack-Hoang (Listenplatz 46, Sprecher GRÜNE Bockenheim, Westend und Kuhwald, engagiert im Völklinger Kreis)
  • Christian Setzepfandt (Listenplatz 52, Stadtrat)
  • Stefan Majer (Listenplatz 54, Verkehrsdezernent)

SPD

  • Eugen Emmerling (Listenplatz 5)
  • Jan Klingelhöfer (Listenplatz 17)
  • Roland Frischkorn (Listenplatz 23)
  • Jürgen Gasper (Listenplatz 25)
  • Thomas Bäppler-Wolf (Listenplatz 49)

Die Linke

  • Pearl Hahn (Platz 5 Stadtverordnetenversammlung, Platz 2 Ortsbeirat)

FDP

  • Rolf Würz (Listenplatz 11)

CDU

  • Verena David (Listenplatz 17)
  • Alexander Vogt (Listenplatz 9)

Neues vom CSD – Pressemitteilung

PRESSEMITTEILUNG – Frankfurt am Main, 23. November 2015

Am Sonntag, den 22. November hat sich das Orgateam des Christopher Street Days in Frankfurt zu einer Nachbesprechung getroffen. Anschließend wurde die Mitgliederversammlung des CSD Frankfurt e.V. abgehalten.

Ein finanzielles Plus und viele positive Rückmeldungen für den CSD 2015

Wichtigster Punkt war das finanzielle Minus aus dem Jahr 2014 von etwa 5000,- Euro, das es abzufangen galt. Dank der großartigen Unterstützung der Community beim Verkauf der Förderbändchen, dem Catering-Team, das erstmals einen Euro pro Getränk und Speise im Backstage einnahm und vor allem der einzelnen Teams, die zwar eisern sparten, aber trotzdem darauf achteten, dass es keine spürbaren Einbußen gab, kann der CSD Frankfurt in diesem Jahr wieder mit einem Plus rechnen.

Da das Geschäftsjahr bis 31. Dezember läuft sind genaue Zahlen noch nicht möglich. Der CSD Frankfurt e.V. wird aber sicher wieder eine entsprechende Summe an frankfurter LGBTI-Organisationen spenden können.

Zum anderen bekam der CSD ein durchweg positives Echo von den BesucherInnen und vor allem von den StandbetreiberInnen.

Besonderes Augenmerk auf die Verbesserung der Infostraße

Einziger Wermutstropfen war die durch Bauarbeiten notwendige Verlegung der Infostraße von der Großen Friedberger Straße auf die Zeil. Dies fand ein geteiltes Echo, vor allem wegen der schwierigen Begehbarkeit durch Fahrradständer in der Mitte und dem starken samstäglichen Einkaufsbetrieb.
Da die große Friedberger Straße auch 2016 voraussichtlich noch nicht zur Verfügung stehen wird, werden alle Kritikpunkte und Verbesserungswünsche verstärkt in die Planung für 2016 einfließen. Ziel ist es, die Infostraße so zu planen, dass der Infostraßen- und Einkaufsbetrieb sich gegenseitig bereichern und ergänzen, ohne sich zu behindern.

Neue Vorstände und Arbeitsgruppen für Platzsuche

Auf der anschließenden Mitgliederversammlung des CSD Frankfurt e.V. wurde der bisherige Vorstand entlastet und ein neuer Vorstand gewählt. Steffen Gunkel und Benjamin Gunkel haben aus zeitlichen und beruflichen Gründen nicht mehr kandidiert. Ihnen folgen Peter Kümmel und Joachim Letschert. Anika Pilger, Claudia Bubenheim und Uwe Koppers wurden wiedergewählt, so dass der Vorstand weiterhin aus fünf Mitgliedern bestehen wird.

Zudem konnten weitere Mitglieder in den Verein und das Orgateam aufgenommen werden.
Die Planung des CSD 2016 hat damit begonnen. Vor allem wurden Arbeitsgruppen für bestimmte Themen gebildet. Eine Arbeitsgruppe wird sich ab jetzt damit beschäftigen, Alternativen zum Festplatz an der Konstablerwache zu finden. Hintergrund ist die in den kommenden Jahren geplante Bebauung der Konstablerwache. Ziel ist es, durch frühzeitige Planung auf einen Standortwechsel vorbereitet zu sein und vor allem StandbetreiberInnen und die Community frühzeitig einzubeziehen.

Termine 2015

Das CSD-Team wird mit diesen Aufgaben und Eindrücken in die Weihnachtszeit gehen. Bis dahin findet am 01. Dezember der Welt-Aids-Tag mit einer Veranstaltung in der Paulskirche statt. Am 02. Dezember wird es eine Charity-Veranstaltung zu Gunsten der AIDS-Hilfe im Westin Grand Hotel in Frankfurt geben und am 09. Dezember den mittlerweile beliebten Stammtisch des CSD Frankfurt e.V. in der schönen Müllerin.

Wir freuen uns bei allen Veranstaltungen auf rege Beteiligung und werden selbst natürlich auch vor Ort sein.

Weitere Informationen finden Sie auch auf unseren Seiten: csd-frankfurt.de/ und auf www.facebook.com/csdfrankfurt

Grenzen überwinden

Unsere ideelle Ausrichtung – Grenzen überwinden, Brücken schlagen – hört sich dieser Tage eher wie Hohn an, denn weder ist das eine leicht, noch wird das andere angeboten, von den einzelnen Ländern nicht, von der EU nicht und von vielen Menschen in den einzelnen Ländern auch nicht. Im Vergleich zu denen, die sowohl der Meinung sind, dass wir die angenommenen 750.000 Flüchtlinge durchaus verkraften können und dementsprechend auch eine echte Willkommenskultur pflegen, sind es zwar nicht die meisten, aber jeder und jede einzelne, der fremdenfeindliche oder gar nationalsozialistische Parolen abfeuert, ist eben dieser oder diese eine zuviel.

Man hätte es vor einigen Wochen oder Monaten ja nicht gedacht, dass es notwendig sein würde, aber nun sollten wir es doch tun:

Wir, das ist die LGBT Community, die sich im Laufe der Jahre zu einer der wichtigsten und vor allem konstantesten Bürgerrechtsbewegung weltweit entwickelt hat, die ihre Forderungen dem Grundgesetz entnimmt, die Würde des Menschen in der Tat für unantastbar hält und dies auch seit vielen Jahen lautstark einfordert.

Es ist nun an uns, deutlich zu machen, dass wir alle nicht, aber auch gar nicht tolerieren, dass fremdenfeindliches oder gar rechtsradikales Geschreie unsere liberale Gesellschaft übertönt.

Also lasst uns auf die Straße gehen und dem leisesten „Ausländer raus!“ entgegentreten, nicht mehr dulden, dass es derartige Ausschreitungen gibt, lasst uns schauen, wo wir helfen können, sei es mit Decken oder Lebensmittel und lasst uns solidarisch sein mit denen, die es derzeit wahrlich schwer haben!

Refugees Welcome!

PS: Am 11. Oktober findet in Stuttgart wieder eine sogenannte Demo für alle statt.
Eine Horde besorgter Eltern und angeblicher Christen wollen hier wieder dafür kämpfen, dass alles so bleibt, wie sie es in Ihren zubetonierten Köpfen gerne hätten.

Rede zum Empfang im Römer 2015

Wann hatten sie das letzte Mal Geschlechtsverkehr? Und was haben Sie gemacht, mal was neue probiert, Oralverkehr, Analverkehr oder klassisch. War ihr Gegenüber ein Mann oder eine Frau oder mögen Sie beim Sex lieber Trans- oder Intermenschen, haben Sie sonst einen Fetisch? Leder, Latex, Damenwäsche?

Reflektieren Sie mal kurz, wie Sie sich eben so ganz spontan gefühlt haben. Belustigt vielleicht oder gar beschämt? Und dann wissen Sie auch schon, worum es in den derzeitigen Debatten geht, sei es in der um den Aufklärungsunterricht in der Schule oder und die der Eheöffnung. Es geht um Liebe, Geschlechtlichkeit und um Sexualität und schlussendlich darum, dass viele sich dafür nach 400.000 Jahren Menschsein immer noch schämen. Eigentlich grotesk.

Sehr geehrter Herr Stadtrat Majer, vielen Dank für die Einladung. Sehr geehrte Frau Stadträtin Eskandari Grünberg, sehr geehrter Stadtrat Setzepfandt, lieber Christian, danke für Dein Kümmern, sehr geehrte Damen und Herren der CDU Fraktion Frankfurt am Main und der Grünen im Römer, vielen Dank dass Sie vor drei Jahren diesen Empfang vorgeschlagen haben, über ihn diskutiert und positiv beschieden haben. Wir wissen, dass ohne Sie dieser Empfang ebenso nicht möglich gewesen wäre.

Liebe Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intermenschen. Seid herzlich willkommen. Ohne euch, ohne uns, wäre die Welt so viel grauer. Danke, dass ihr den Römer heute so viel bunter macht!

Wir sind „besorgte Homos“ – so zumindest unser diesjähriges Thema. Und dafür gibt es viele Gründe. Und wir sind nicht die einzigen, die besorgt sind. So zum Beispiel die „besorgten Eltern“. Dass wir uns nicht falsch verstehen. Dass Eltern sich Sorgen machen, gehört zu ihrer Fürsorge und ist in Ordnung. Und wir sollten diese Sorge ernst nehmen und reflektieren. Das aber geschieht auf beiden Seiten wohl nicht mehr immer. Und wo Reflexion fehlt, da sind Ressentiments nicht weit.

Tatsächlich will niemand einem Sechsjährigen den Gebrauch von Sexspielzeugen beibringen – das ist eine der Überspitzungen, die in die Diskussion eingebracht werden, sondern vielmehr die Verortung seines Herzens. Dass dazu auch die entsprechende Sexualität gehört sollte klar sein.

Leider aber wird aus einem wichtigen Thema auf allen Seiten ein Glaubenskrieg entfacht und Sorgen darüber, dass vielleicht auch ihre Kinder bei deren coming-out zukünftig Probleme haben könnten, machen sich manche besorgten Eltern wohl nicht so sehr. Vielmehr bereitet es ihnen scheinbar mehr Kopfzerbrechen, dass Sie mit Ihrem Kind plötzlich über Liebe und Respekt (denn nur darum geht es ja) reden müssen.

Damit legen sie aber gerade den Grundstein dafür, dass es homosexuelle Menschen in Zukunft weiterhin nicht leicht haben werden, sich zu äußern. Vielleicht in der Hoffnung, dass Ihre Kinder nicht betroffen sind oder sein werden.

EBENSO macht “MAN” sich Sorgen um die Ehe für alle, ja, nicht nur für Schwule und Lesben, sondern, so tönt’s aus dem Saarland, auch um die zwischen Vater und Sohn oder Frauchen und Tier. Solche Gedanken kann man wohl dann auch wirklich nur im Saarland haben. Sei’s drum.

In Wahrheit hat sich über die Diskussion, die scheinbar um die Homo-Ehe geht, aber doch schon längst eine ganz andere, viel tiefgreifendere Debatte gelegt, nämlich die darüber, wie wir alle zukünftig generell zusammenleben wollen und unter welcher Gnaden wir das wollen. Längst diskutieren wir auch über Kirche und Moral und das auf allen Seiten.

Besonders perfides Argument vor allem von einigen Vertreterinnen uind Vertreter der konservativen Parteien ist, dass die Norm, die Mehrheit also, ja die Heterosexualität sei und Demokratie eben auf dem Wunsch der Mehrheit basiere. Abgesehen davon, dass man sich dieses offenbar glasklare Demokratieverständnis in manch anderen Belangen auch wünschte, so vergessen diese Politikerinnen und Politiker, dass es ja eben das Wesen der Diskriminierung ist, sich auf die Norm zu berufen, und es deshalb gerade wichtig ist den Minderheiten DAS Recht zu geben, das eine jede und ein jeder in der Gesellschaft schon längst hat.

Und so kommt es wohl, dass der große Teil des Volkes schon weit voraus ist und sich über das was da noch so diskutiert wird, wundert. Vielmehr geht es hier ja nicht darum, Neues zu erfinden und gut zu heißen, sondern eine längst gelebte Vielfältigkeit zu Erkennen und zu respektieren. Das ist zumindest unser Politikverständnis.

UND: Es geht nicht nur darum, dass homophobe Sprüche nach wie vor und wieder offen skandiert werden dürfen, sondern um die Erkenntnis, dass der Reflex, Schuldige in den üblichen Randgruppen zu suchen, wenn die Zeiten mal unruhig sind, auch nach so vielen Jahren  in Deutschland und weltweit noch lange nicht überwunden ist.

Das geschieht im Übrigen auch in den eigenen, in unseren Reihen! Auch hier haben wir mit Ausgrenzung und mit Diskriminierung zu kämpfen. In dieser Hinsicht jedenfalls sind wir schon mal gleich.

Der Christopher Street Day und alle anderen Pride-Veranstaltungen in Deutschland und weltweit steht deshalb „nur“ vordergründig für die Rechte der Lesben, der Schwulen, der Bisexuellen, Trans- und Intermenschen. Tatsächlich steht er vor allem für das Maß an Respekt, das wir bereit sind, Menschen entgegenzubringen.

Dass der Christopher Street Day, und damit komme ich zur dritten Sorge,  in Frankfurt keine Selbstverständlichkeit ist, das haben wir im vergangenen Jahr gemerkt, als wir mit einem Defizit schließen mussten.

Das Team des CSD ist an seinen Grenzen angelangt, personell wie finanziell und Aufrufe in der Community zeigen, dass da zwar gerne genommen aber nicht ganz so gerne gegeben wird. Ohne diesen Austausch aber werden wir nicht mehr allzulange den Luxus eines CSDs diesen Ausmaßes genießen können.

Und so sende ich von dieser Stelle auch das Signal an die Stadt Frankfurt, gemeinsam mit uns zu diskutieren, ob und in welchem Umfang ein CSD weiterhin gewünscht und vor allem, was er ihr Wert ist. Und hier dürfen wir dann nicht nur über Ideelles sprechen.

Wir selbst arbeiten an neuen, auch günstigeren Konzepten, sind uns aber auch darüber im Klaren, dass es Präsenz und Strahlkraft braucht, um gehört und gesehen zu werden. Viele sagen, dass dieses Schrille und Laute die derzeitige Diskussion über die Eheöffnung und den Aufklärungsunterricht behindere, dass wir deshalb nicht ernst genommen würden. Wir meinen, dass es ohne das Schrille und ohne die Lautstärke diese Diskussionen erst gar nicht gegeben hätte, weil man uns schlicht nicht wahrgenommen hätte. Und deshalb wollen wir auch weiterhin Frankfurt bunter machen und damit dokumentieren, dass wir in einer welt- und kulturoffenen Stadt leben.

Das wird das Projekt der nächsten Jahre sein und wir laden sie, verehrte Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Frankfurt und Sie und euch, liebe Community, dazu ein.

Außerdem laden wir sie nach diesem Empfang zu einem Zusammenkommen im Westin Grand Hotel ein, um vielleicht die ein oder andere Idee schon auszutauschen, sicher aber um das für einen kurzen Moment gemeinsam zu erleben, was in dieser Welt generell abhanden zu kommen scheint: Gemeinschaft und Solidarität. Auch dafür stehen wir ein.

Zu guter Letzt mag ich daran erinnern,  dass wir – Vereine, Verbände, Gruppen und Parteien  – ab heute für die kommenden vier Wochen unsere ganze Vielfalt während der Prideweeks zeigen!

Ich wünsche allen einen schönen CSD

Gleichstellung – worum geht’s denn eigentlich?

Die Diskussion über die Gleichstellung homosexueller Paare ist mal wieder im vollen Gange. Aber worum geht es eigentlich?

Schon klar, es geht um den Untergang des Abendlandes, das Ende der christlichen Kultur und dergleichen mehr. Ich hatte im übrigen eine schöne Kindheit, naja, abgesehen von den Marotten, die meine Eltern, wie alle Erwachsenen, so hatten und an ihre Kinder, also auch mich, weitergegeben haben und es immer wieder tun werden. Da hätte auch ich mir von meinen Eltern mehr Reflexionsvermögen gewünscht, es waren aber eben auch „nur“ Menschen.

Gute Eltern – schlechte Eltern

Manche heterosexuellen Eltern, so höre ich, gehen ja so weit, ihr Kind zu vernachlässigen, gar zu missbrauchen. Sie stopfen es voll mit ihren kruden Ideen über die Welt und nennen es dann Erziehung. Sie propagieren den Krieg und nennen es gut, andere zu erschießen. Ihrem Kind erzählen Sie, das sei Patriotismus und zur Erhaltung der Kultur notwendig.

Sie finden die Todesstrafe gut und sprechen über „die Kanacken“, die uns (also Ihnen) den Arbeitsplatz wegnehmen und machen ihrem Kind deutlich, dass es sich vor solchen Leuten hüten soll. Am besten die Boote im Mittelmeer versenken, und zwar mit den Menschen drin, damit die Schlepper erst gar nicht mehr auf die Idee kommen, Leute rüberzuschicken, die eh nur wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten unser Land überrennen wollen. Genau diese Eltern ziehen „the next generation“ heran.

Wollen wir das?

Klar wollen wir das! Denn es sind eben nicht „die Eltern“, es sind immer einzelne Menschen die, wenn überhaupt, nicht in der Lage sind, für eine offene“next generation“ zu sorgen. Die allermeisten Eltern machen einen tollen Job, sind lieb zu ihren Kindern, geben ihr Allerbestes und sorgen dafür, dass unsere Gesellschaft immer wieder neue Mitglieder bekommt. Genauso wird es auch immer homosexuelle Paare geben, die keine gute Erzieher abgeben werden (was auch immer das heißen mag). Doch auch hier zieht die große Masse einfach ein Kind mit all ihrer Liebe versehen und gut auf.

Die propagierten Probleme, die Erziehung so aufwirft, haben eben nichts mit sexueller Gesinnung zu tun, sondern mit Herz und Verstand oder eben dem Fehlen des ein oder anderen, und natürlich wird es immer Menschen geben, die Homosexualität nicht gut finden und vielerlei Gründe dagegen finden, dass wir Kinder adoptieren und großziehen dürfen. So lange dies in einer respektvollen Weise geschieht, muss das in einer offenen Gesellschaft auch möglich sein! Weltanschauung ist eben Ansichtssache und individuell und muss im demokratischen Prozess eingebracht werden dürfen.

Wir müssen am Ball bleiben!

Wenn allerdings die, die dafür sorgen sollten, dass unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt, denen nach dem Mund reden, die mit Sicherheit eben schon längst keine Mehrheit mehr in dieser Gesellschaft haben, wohl aber die Mittel, sie durch mediale Unterstützung aufzubauschen, dann müssen wir was tun!

Vom 17. bis zum 19. Juli findet in Frankfurt der Christopher Street Day statt, zu dem wir jede und jeden herzlich einladen. Vor allem laden wir alle SkeptikerInnen ein, mit uns zu feiern und zu trauern, um festzustellen, dass wir uns ähnlicher sind, als wir denken. Mensch eben!

Der CSD wird von einem gemeinnützigen Verein und seinen ehrenamtlichen Orgamitgliedern ganzjährig geplant und an drei Tagen im Jahr durchgeführt. In den nächsten Jahren wird der CSd Frankfurt, wie alle CSDs immer wieder Unterstützung benötigen, um weiter präsent sein zu können. Du kannst entscheiden, wie wichtig Dir ein CSD – #maincsd – in Frankfurt ist und hier ist der Link dazu

(jl)

Eckstein, Eckstein

Alte Bilder laufen vor meinem Auge ab, die Chronik des CSD schaue ich mir gerade an, einfache Wagen, kleine Bühne, tanzende Menschen, wie aus einer anderen Welt, eine Welt, in der ich auch mal unterwegs war. Ich erinnere mich an das Bermudadreieck vor 20 Jahren. Samstags. Nachts. Vom Luckies (eines der wenigen überlebenden) ins Tonight. Danach ins Construction 5. Drogen, wer wollte, Tanzen, wer konnte, Darkroom, ausgelassen, jeder wie er mochte. Heute schaue ich in eine öde Häuserschlucht, wo einst das schwule Bermudadreick war. Damals gingen Menschen verschollen und wurden erst morgens wieder ausgespuckt. Heute steht das Bermudadreick für die verschluckten Kneipen, in denen Mann (und Frau) sich getroffen haben. Ausgespuckt wurden sie allerdings nicht mehr. Und so mancher Partysan auch nicht. Mama Hesselbach blieb dort, in ihrem legendären Blue Angel und so manch weniger Prominente eben auch.

Manchmal habe ich heute den Reflex, eine Kaffee trinken gehen zu wollen, in einem Café, in dem Mann sich trifft. Fehlanzeige. Das Internet, heißt es, habe sie geschluckt. Man verabrede sich auf den blauen Seiten, oder den gelben oder den schwarzen. Das tue ich auch. Aber das ist nicht das selbe. Die Kneipen bedeuteten Zusammenhalt, als Zusammenhalt noch nötig war. Man kannte sich, man grüßte sich und man stritt sich, lästerte übereinander und vertrug sich. Im Chat muss man das nicht. Man sieht sich, man fickt sich, man verabschiedet sich. Wenn’s gut läuft. Für Lästern fehlt die Zeit und das Forum und die Lust. Und die Nähe. Heute macht man da eher mal einen Shitstorm, weil man sich wieder mal über was oder wen empört.

Ich vermisse es, die Türen des Cafés zu öffnen, gespannt zu sein, wer dahinter sitzt, welche Musik gespielt wird, wer hinschaut und wer wegschaut. Ich vermisse die Überraschung, die heute durch Whats App genommen wird und nur noch durch einen leeren Akku möglich, wenn auch bedrohlich wird. Ich vermisse die lauen Morgen, durch die ich im heiteren Nebel nach Hause lief, politisch in vielerlei Hinsicht völlig unkorrekt, unpolitisch aber unbezahlbar und wunderschön.

Ich vermisse die Zeiten, in denen es noch kein Facebook gab, in denen irgendein Politiker in Obergresselthal noch sagen konnte, dass er Schwule doof findet, ohne dass man sich gleich darum kümmern, sich empören, echauffieren oder gar ein weltweites Politikum durchsetzen musste. Zeiten, in denen man nicht gleich Petitionen unterzeichnen musste, sondern ein spöttisch zurückgerufenes „Du doofer Hetero“ noch genügte, um dem zu begegnen. Plump. Aber auch irgendwie stolz.

Es waren die Zeiten, in denen AIDS noch ein Schrecken und nicht ein Geschäft war und man wusste für was man zu kämpfen hatte, weil man real Freunde verlor und trauerte und Prioritäten setzen konnte. Heute werden die Prioritäten täglich gesetzt, stündlich und minütlich, von den Gazetten, den Internetforen, den Trollen und Trollinen, aus Russland und aus Obergresselthal.

Damals war man noch schwul, einfach und schmutzig, fand Sex toll und sagte das auch ohne Scham. Heute ist man ein offiziell ein asexuelles Politikum, ständig darauf bedacht, sich zu positionieren und nicht nur sich, sondern auch alle anderen, die auch anders sind und aus unserer Sicht positioniert werden müssen. Heute ist man Mainstream, verpartnert sich und findet’s auch nicht mehr unschicklich, die zu wählen, die einen ganz offiziell nicht mögen. Man ist bürgerlich und will mit denen, die, die es (noch) nicht sind, nicht mehr in einen Topf geworfen werden. Unter der Oberfläche, klar, da brodelt’s, aber das soll das saubere Bild vom sauberen Schwulen bitte nicht mehr tangieren. das geht doch keinen was an.

„Eckstein, Eckstein, musst Du noch versteckt sein?“ Das Motto war doof. Stimmt. Es hätte heißen müssen: „Eckstein, Eckstein, musst Du wieder versteckt sein?“ Wir drohen, abzutauchen, aber nicht in die Verstecke, die Parks, die schummrigen Kneipen, in denen man Angst haben musste, vom guten Bürgertum entdeckt, denunziert und bestraft zu werden, sondern wir tauchen in genau das Bürgertum ab, das uns und das auch wir einst verschmäht haben. Aus gutem Grunde. „In der Mitte abgekommen“, nennen wir das dann, was manchmal auch stimmt, aber eben längst nicht immer.

Nein, früher war nicht alles besser. Das stimmt so auch nicht. Die Welt war vielleicht etwas einfacher, etwas übersichtlicher, etwas naiver, etwas schwarz-weißer. Sie war etwas enger und manchmal dadurch auch kuscheliger. Nicht immer. Der Tellerrand, über den man schauen musste, war nicht so weit weg und nicht so hoch. Und man wusste, dass der Mensch, mit dem man flirtet, nicht irgendwo saß, sondern einem direkt gegenüber. Und es war ehrlicher, es war direkter, es war weniger empört und es war vor allem näher. Näher am anderen und näher an sich.

Diese Nähe fehlt, finde ich und finden andere. Ob’s wieder so werden kann? Nein. Aber anders, anders als damals und anders als heute. Morgen eben. Ab dem 17. Juli dann wieder auf der Konstablerwache in Frankfurt für drei tage. Daran hat sich dann wenigstens nichts geändert. (jl)