CSD – Es bleibt alles anders

Angekommen?

So langsam neigt sich die CSD-Saison dem Ende zu. Ich war auf mehreren CSDs und natürlich haben wir  das drumherum fleißig beobachtet, uns Inspirationen geholt und hin und wieder auch den Kopf geschüttelt, nicht böse oder schadenfroh, sondern verwundert. Woran merkt man also, dass die CSDs tatsächlich in der Mitte angekommen sind? Genau, sie beschäftigen sich hier und da, ganz Mainstream, lieber mit sich selbst als mit den Themen, die sie eigentlich auf der Agenda hätten haben sollen.

Aber natürlich gehört das alles dazu, oder, um es anders auszudrücken, es menschelt. Seit 1979 finden in Deutschland CSDs unter diesem Namen statt, in Frankfurt seit den Anfang 90er Jahren, zunächst unter anderem Namen, wenig später auch als Christopher Street Day.

noch schöner, noch besser, noch bunter

1998 hieß es in der Frankfurter Festschrift: „noch schöner, noch besser, noch bunter … soll der CSD dieses Jahr werden. Am 18. Und 19. Juli wollen wir auf der Konstablerwache den Frankfurter /innen mal wieder zeigen, wie man richtig Feste feiert.

1999 hörte sich das dann schon anders an:Die Familie feiert Geburtstag – 30 Jahre CSDs – Von der Revolution zur Touristenattraktion. Der Christopher-Street-Day (CSD) gilt heute weltweit als höchster Feiertag von Lesben und Schwulen. Zehntausende ziehen durch die Metropolen, um den größten und schrillsten Party-Event im schwul lesbischen Kalender zu begehen. So alt wie der CSD ist auch der Streit um die Frage, wie politisch es denn, bitteschön, hierbei zugehen soll.

Na also, da haben wir es, nämlich das Problem, das vor 15 Jahren schon eines war. Vermutlich nicht nur in Frankfurt, aber eben auch da.

Viel Geschrei um Nix?

Exemplarisch, aber längst nicht einzigartig sei Berlin in dieser Saison genannt. Da wurde nicht gerade wenig diskutiert und gestritten um ein Wort – um Stonewall – das zukünftig die Parade, die Demonstration bezeichnen sollte, die die Community durch die Stadt führt. Sicher, hier ging es vermutlich um anderes, um Persönliches, und eben nicht um die Demonstration, die Parade oder eben die Stonewall-Parade.

Es mag der Berliner Mentalität zuzuschreiben sein, dass man da nicht eben mal einfach so eine Namensänderung hinnehmen will und plötzlich tauchen aus dem Nichts Menschen auf, die bis dato schwer sichtbar waren und diskutieren über ein Wort oder auch zwei. Aber wie gesagt, Empörung scheint derzeit ein gesellschaftliches Phänomen zu sein, sicher nicht das schlechteste, aber dann zerstörerisch, wenn es nur noch um seines Willens geäußert wird. Fazit: Berlin hatte drei, (oder waren es vier?) CSDs.

Diversifizierung unter Diversifizierten

Sieht man es positiv, dann findet jene Diversifizierung jetzt eben nicht mehr nur zwischen Homo und Hetero statt, sondern dann gibt es sie zukünftig auch immer mehr bei Homo, Trans und Inter – unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Bedürfnisse, die dann eben auch in unterschiedlichen Formaten ausgerufen und demonstriert werden. Und daran ist nichts auszusetzen. wenn wir es nun auch noch gut anstellen, sollten alle dabei gewinnen können.

Dann gab es die, die zum ersten Mal auf die CSD-Bühne getreten sind. Aschaffenburg zum Beispiel überraschte mit knappen tausend Menschen, die in dieser schönen unterfränkischen (bayerischen) Stadt aufmarschierten, noch wirklich überraschte Gesichter bewirkten und einfach gut debütierten.

Einer für alles

Und Frankfurt? Wie wars denn eigentlich in Frankfurt? Vermutlich wie immer: Bunt, schrill, laut, nachdenklich, schweigend. Und wir wissen wohl, dass ihn die einen zu laut, die anderen zu still, die nächsten wieder zu schweigend und wieder andere zu schrill fanden.

Hier hätte etwas Kapitalismuskritik reingehört, da hätten wir weniger Sponsoren nehmen sollen, das Bühnenprogramm kleiner, den Festplatz offener, einzelne Künstler gar nicht, andere wiederum mehr.

Es ist, und man muss es so sehen, nicht möglich, jede und jeden zu befriedigen, denn jede und jeder hat eine andere Vorstellung davon, was der CSD wie zu leisten hat. Was für die eine selbstverständlich und qua gesunden Menschenverstand erklärbar ist, das versteht der oder die andere noch lange nicht. Und natürlich haben wir nicht den Anspruch, Europa-, Finanz- oder- Sozialpolitik zu thematisieren.

Klarer Auftrag

So sehr es für den ein oder die andere Gründe gibt, das zu tun, so steht der Christopher-Street-Day-, Stonewall- oder Pride-Gedanke eben für die Rechte von anderssexuellen Menschen. Im Übrigen bieten wir für alle, die es nicht nur bei Worten belassen wollen, eine Demonstration und eine Infostraße, auf der Taten folgen können, Meinungen geteilt und MitstreiterInnen gewonnen werden können.

Und dann ist so eine Veranstaltung auch nicht nur ein Balanceakt zwischen den Beteiligten (oder denen, die nicht daran teilnehmen, weil sie sich nicht wiederfinden) und den VeranstalterInnen, sondern auch einer zwischen den Mitgliedern und Mitfrauen des Vereines – und die sind sich mitnichten immer einig über das Erscheinen des CSDs. Am Ende obsiegt dann die Mehrheit, auch die knappe. Sicher müssen sich auch die den ein oder anderen Vorwurf gefallen lassen, die es gerne anders gehabt hätten, aber das ist eben Demokratie und so stehen alle Vereinsmenschen hinter dem CSD, so wie er war.

Nix Neues im Römer?

Der Einzug in den Römer war in diesem Jahr auch kein Novum mehr (war es so gesehen im vergangenen Jahr auch nicht, denn wir wurden auch in früheren Zeiten schon dort empfangen), aber dass wir Kharina gewinnen konnten, für die Transmenschen dort zu reden, das war ein Novum. Kharina hätte, wie viele Transmenschen, viel Schlechtes über die Szene zu erzählen, Diskriminierung, Ausgrenzung und Ablehnung. Und auch über den CSD hätte sie einiges zu erzählen, Dinge, die ihr nicht gefallen.

Sie hat aber trotzdem oder gerade deswegen das Zepter oder das Mikro in die Hand genommen und hat es in emotionaler und eindringlicher Manier erzählt – und damit viel Nachdenken geerntet, am Ende vielleicht sogar eine Ausweitung des Themas im nächsten Jahr bewirkt. Hätte sie sich in die Schmoll- und/oder Anti-Ecke zurückgezogen, wäre uns ein wichtige Einblick verwehrt geblieben. Danke.

Wer’s anders will, soll’s anders machen

So dachten es sich auch die VeranstalterInnen des transuniversalen CSDs. Sie fühlten sich mit dem großen CSD nicht wohl und haben ihren eigenen veranstaltet, Schön, dass er am selben Wochenende stattfand und somit eine Alternative für all diejenigen bot, die es anders wollten, ohne ganz außen vor zu sein.

Und auch was die Demonstration angeht, sei der oft geworfenen Ball zurückgeworfen. Wir organisieren die Demonstration, wir führen sie durch und wir tragen die Kosten – das ist weitaus mehr, als manch andere bereit sind für eine Demonstration zu geben und zu tun. Den Inhalt können wir schwer beeinflussen. Wir haben bei den Parteien angeregt, sie mögen den Anfang machen, auf Wagen verzichten und Fußgruppen organisieren. Der Tenor war, dass man – aus verschiedenen Gründen – nicht dazu bereit war.

Natürlich können wir Regeln aufstellen, wie eine Demonstration auszusehen hat. Doch welche Regeln sollen hier gelten und konterkariert es nicht den Sinn der Sache, eine Demonstration zu reglementieren?

Bleibt alles anders

Kurzum: es ist nicht leicht, einen CSD zu organisieren, schon gar nicht, alle Meinungen zu berücksichtigen. Schlussendlich aber können wir feststellen, dass nur ein kleiner Teil das, was wir gemacht haben, nicht gut fand und ein winziger dabei viel Respekt in seiner Enttäuschung verlor. Aber genau jenen Teil schauen wir uns genau an und diskutieren bereits kontrovers über den nächsten CSD – vermutlich mehr, als sich unsere Kritiker zu wünschen wagen.

Wir werden im nächsten Jahr aber trotzdem wieder IN der Stadt feiern und nicht irgendwo am Rand, wir werden wieder in den Römer gehen, weil wir da hin gehören und weil wir sehen, dass wir die Menschen dort mit unseren Botschaften sehr wohl erreichen und wir werden auch wieder feiern, hier und da auch uns selbst, denn das durften wir viele Jahrzehnte nur unter Strafe!

Und nicht zuletzt ist es auch diese Lebenslust, die nicht nur in der Andersartigkeit unserer gelebten Sexualität zum Ausdruck kommt und nicht wenige Nachahmer findet, weil sie eben offener und lockerer ist. Die sollten wir uns im übrigen bewahren und schon gar nicht gegen Homoehe- oder andere Gesetzen einfach eintauschen, denn dieses Lebenslust ist auch Teil unserer Kultur!

Wir werden aber auch nicht die vergessen, die, innerhalb der Community an den Rand gedrängt werden, und wir werden diese Menschen auch im nächsten Jahr ins Licht holen. Aber wir werden  auch unserem Thema treu bleiben, bei allem Leid und bei allen Unstimmigkeiten in dieser Welt, nämlich dem der Homo-, Trans- und Interphobie, denn dazu sind wir eben angetreten.

Für mich jedenfalls geht eine CSD-Saison vorüber, die, da bin ich ehrlich,  in vielen Teilen nicht befriedigend war und die mich bestenfalls antreibt, es nächstes Jahr (noch) besser zu machen. (jl)

Infos zum CSD Frankfurt


Der CSD in Frankfurt wird seit 1992 veranstaltet, zunächst von der Dachorganisationen aller für die Interessen homosexuell orientierter Menschen arbeitenden Frankfurter Vereine, später von der Gütlich Event GmbH und seit 2012 wieder von einem Verein, dem CSD Frankfurt e.V. der zu dieser Zeit noch „Förderverein Zukunft Spenden e.V.“ hieß, der Einfachheit halber 2014 aber umbenannt wurde.Derzeit hat der Verein 16 Mitglieder im Orgateam, davon 5 Vorstände, außerdem 2 Fördermitglieder.Die stimmberechtigten Mitglieder bestimmen gemeinschaftlich die Ziele des CSD und besprechen die einzelnen Bereiche final ebenso gemeinsam. Bei Unstimmigkeiten wird eine Abstimmung herbeigeführt, die einer einstimmigen Mehrheit bedarf.

Die Mitglieder des Vereines arbeiten ehrenamtlich und versuchen, möglichst alle Aufgaben selbst und unentgeltlich zu bearbeiten. War man zeitweise stolz darauf, dass man von der „Revolution zur Touristenattraktion“ geworden ist, so ist dieser Trend rückläufig. Mit steigender Akzeptanz rücken die politischen Ziele wieder in den Vordergrund.

Dies ist eines der Ziele, die ganzjährig vorbereitet werden, für die es aber auch Zeit (MitarbeiterInnen im Orgatem) und Geld (Spenden, Sponsoren und Fördermitgliedschaften) braucht. Beide ist beim CSD Frankfurt e.V. möglich, nötig und gewünscht.

Wer noch mehr über die Geschichte des CSD Frankfurt erfahren will, dem sei die Chronik ans Herz gelegt, die von Reinhard Dietmann gepflegt wird.

Ach wärst Du doch in Düsseldorf geblieben…

Dorthe hat es ja schon vor vielen Jahren gewusst und geradeheraus gesungen. Ja, wärst Du doch in Düsseldorf geblieben, junger Playboy, also Kalle. Aber da Kalle eben nicht in Düsseldorf geblieben ist, hat es sich so ergeben, dass er nach Frankfurt kam. Vor ihm tat das schon wer anders aus Düsseldorf und hat sich aus der Feder Rainer Gütlichs erklären lassen, wie man einen CSD machen kann. Sprachs und tats und ging und ließ Kalle machen (oder so ähnlich).

Und da Kalle ein Düsseldorfer mit dem den RheinländerInnen  gegebenen Humor (synonym für Aufdringlichkeit) ist, hat er natürlich nicht locker gelassen. Das könnte man von unseren beiden Vorständen, die ansonsten ganz brav die Demo und die Infostraße betreuen, auch behaupten, und so berichteten sie immer wieder von Ihren Erlebnissen auf dem Düsseldorfer CSD – die an dieser Stelle verschwiegen werden sollen.

So kam es zu den jährlichen Besuchen der DüsseldorferInnen und Gegenbesuchen der FrankfurterInnen. Während die DüsseldorferInnen von Anbeginn wenig Scham hatten, in Frankfurt zu invasieren, haben sich die scheuen HessInnen da etwas schwieriger getan, aber, wie es so ist, fielen irgendwann auch hier die Grenzen und – schwupps – standen wir zu mehreren FrankfurterInnen auf dem Düsseldorfer Wagen und führten neben einem moderierenden Kalle die Düsseldorfer Demonstration mit an.

Was lag da näher, als diesen intimen Moment zu nutzen, um Düsseldorf einen Heiratsantrag zu machen?

Dann ging es Schlag auf Schlag, der Bembel wurde gemalt, das Düsseldorfer Kirsch an den Start gebracht, beides vereint und auf der Abschlussbühne des CSD Frankfurt getrunken. Ja, da hat der Kalle das richtige Mittel gefunden, denn wir müssen warnen: Düsseldorfer Kirsch kann in den Wahnsinn treiben. Das haben wir gemerkt, aber nun isses zu spät und wir werden natürlich zu unseren ehelichen Pflichten mit Freude (!) stehen. In Düsseldorf, im kommenden Jahr, wird es die Feier dann auch dort noch geben und dann ists richtig perfekt.

Die frankfurter und düsseldorfer Community kann sich nun auch nicht mehr verstecken, denn so eine Partnerschaft bringt natürlich für alle eine gewisse Pflicht mit sich. Jetzt heißt es, sich kennen lernen und für alle FrankfurterInnen und DüsseldorferInnn, die bis dato nicht im Traum daran gedacht haben, in die jeweilige Partnerstadt zu fahren, werden sie nun keine wirklich gute Ausrede mehr haben, es auch weiterhin nicht zu tun.

Und nein: Äppler und Alt zählen nicht als übergeordnete Gründe, Düsseldorf oder Frankfurt fern zu bleiben!

Achja, und wenn es politisch gerade nicht so fürchterlich unkorrekt wäre, dann würde ich mir jetzt schon ins Fäustchen lachen, wenn ich mir Bäppi La Belle auf der rheinischen Bühne vorstelle, wobei wir FankfurterInnen bis jetzt noch gut lachen haben, denn wir wissen ja nicht, welche rheinische Frohnatur unsere Bühne zukünftig entern wird – natürlich alles aus Gründen der Völkerverständigung, versteht sich.

Um also die von unserem (meinem) Lieblingschefredakteur Björn von unserer Lieblingszeiung GAB gestellte Frage, warum denn ausgerechnet Düsseldorf die Braut sei, zu beantworten: Weil Sie nicht in Düsseldorf geblieben ist!

Und wär sie dann doch in Düsseldorf geblieben – dann hätten wir diese wunderbare Chance verpasst, den Austausch von Bembel und Kirsch, von Bäppi und Kalle und, wer weiß, von Peter Feldmann und  Thomas Geisel zu fördern, zukünftig mindestens einmal im Jahr, oder, wer weiß, vielleicht auch öfter.

Zum Glück bist Du nicht in Düsseldorf geblieben. (jl)