Na, wie wars?

Zu laut, zu bunt, zu viel, zu wenig, zu politisch, zu viel Gequatsche, zu heiß, zu trocken, zu schnell, zu langsam, zu viel, zu wenig, zu teuer, zu kommerziell, zu viele Männer, die ganzen Lesben, wo sind die Transmenschen, zu wenig Latex, Sexistenkacke, Kapitalistenärsche, der schnöde Mammon, geile Paaaaaaadyyyyy, wo war Saskia, wer lässt denn den Bäppi auf die Bühne, nachher knallts, die Security sind so unfreundlich, wir freuen uns natürlich auch über die Heten, super Security habt ihr übrigens, wie komm ich denn ins Backstage, wer hat denn die da reingelassen, frankfurts Szene geht vor die Hunde, wow, die Prideweeks waren cool, och, gääähn, Kultur is ja nich meins, geiler Sound auf der großen Bühne, kann mal jemand leiser machen, dann lassen wir es eben ganz, warum ist meine Party denn nicht auf eurer Seite, wo gibts denn Programmhefte, warum fliegen denn da Luftballons, is wer gestorben, achso ich muss euch sagen, dass ich ne Party mache, jaja, alles Vetternwirtschaft in dem Verein, endlich mal mehr Kultur und Politik auf dem CSD, zu wenig Pappe uffe Demo, wa, ne selbst hab ich da keine Zeit da was zu machen, Klasse wie ihr das alles hier macht, Respekt …

Yo, wie immer. Gut wars! (jl)

Das ist die guuuude, aaaalde Zeit!

Früher. Da  haben wir nach Berlin, Köln oder Hamburg geschaut, denn da werden die richtig großen CSDs gefeiert. Was ist schon groß?

Heute. Da schielen wir verstohlen nach Darmstadt, das in diesem Jahr seinen vierten CSD startet oder gen Aschaffenburg, das seinen ersten CSD erfolgreich aus der Taufe hob. Gemütlich. Familiär. Revolutionär. Und vor allem klein. Klein genug, die Crowd zur Zwischenkundgebung um einen Wagen versammeln zu lassen und den wirklich tollen Reden zu lauschen.

Ja, das sind politische CSDs, so würde man auch gerne sein oder wieder sein oder endlich werden. Doch was bedeutet es denn überhaupt, „ein politischer CSD“ zu sein oder eben auch nicht? Was braucht es dazu, wann ist der CSD politisch und wann nicht?

Klein und laut

Es scheint, als ob „politisch“ synonym mit „klein“, „überschaubar“, „familiär“ verwendet wird, der unpolitische CSD ist entsprechend „groß“, „laut“, „anonym“, wahlweise auch „schrill und bunt“.

Blicken wir zurück: Vor zwanzig Jahren in Frankfurt war ich einer von vielleicht 200, der eine hellblaue (oder war es die rosafarbene) Flagge vor sich her trug, direkt über die Zeil lief und mehrheitlich ungläubige Blicke erntete.

Blicken wir nach vorne: Die einst schnuckeligen – und natürlich politischen – CSDs werden sich in einigen Jahren gemausert und vergrößert haben, weil sie eben immer so politisch waren und man lieber hier als woanders gefeiert und sie immer mehr Freunden empfohlen hat.

Ruuuhe, gaaanz viiiel Ruuuhe

Am Ende wäre das Optimum wohl eine Mischung aus modernem CSD und einem Hauch MIttelaltermarkt, auf dem es in dieser ganzen hektischen Welt mal wieder ruhiger zugeht, man sich in Ruhe auf sein Gegenüber einlassen kann, flirten kann, man selbst sein kann, ohne diese ganze große Sause. Nette Gespräche, netter Flirt, netter Sex ohne Krach und Shooter, ohne laut und schrill. Die Demonstration ohne laute Musik (in New York fahren keine LKW). Aber wollen das wirklich alle?

Wir vom Orgateam zerbrechen uns freilich jedes Jahr wieder den Kopf, wie wir den CSD denn nun politischer kriegen, haben die Politrunde im Vorfeld eingerichtet und dabei viele gute Bekanntschaften geschlossen. Wir haben die Kultur- und Politikbühne etabliert, die ein alternatives und wortreiches Programm anbietet, wir haben einen Empfang im Römer bekommen, die Prideweeks eingerichtet und treffen uns regelmäßig mit Vereinen aus der Community.

Es ist aber auch so, dass diese kleinen, feinen, politischen Dinge in der großen, lauten Masse oftmals untergehen und ein gewisser Aufwand, etwas Lautstärke und stärkere Farben von Nöten sind, um sie überhaupt sichtbar zu machen. Und dieser große Aufwand wird dann schon wieder – genau – als schrill und eben unpolitisch angesehen.

Es ist alles schon gesagt, nur nicht von allen

Auch die Politdiskutanten auf den Bühnen der CSDs schließen sich mittlerweile dem allgemeinen Tenor an, nichts zu sagen, was sie im Anschluss in Form eines Shitstorms aushalten müssten. Mutti macht’s vor. Oder sie belegen die Allgemeinplätze („wir finden das alles total wichtig“), die alle bereits mehrfach durchgekaut sind. Im Westen nichts neues.

Da stellt sich die Frage, ob es bei der mittlerweile permanenten  Empörung über alles und jedes, überhaupt noch möglich ist, nachhaltig politisch zu sein und in Ruhe über die Dinge diskutieren zu können, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass sie bereits längst wieder von anderen Themen überholt sind. Die Gefahr ist groß – bei allem Wunsch nach mehr Politik – ein genervtes Kopfschütteln des Publikums zu ernten.

Vielleicht diskutieren wir aber auch einfach über die falschen Begriffe und es ist nicht der CSD, der politischer werden muss, sondern es ist zuerst einmal die Politik, die wieder politischer werden muss, die sich von ihrem Ego- und Lobbyzirkus verabschieden, wieder für die Menschen da sein und vor allem authentischer, ehrlicher und interessierter werden muss.

Vielleicht ist das der Wunsch, wenn wir von „mehr Politik“ reden – wieder mit Menschen zu tun haben zu wollen, die das, was sie sagen auch meinen, und umgekehrt. Und das auf beiden Seiten.

Der Rest ergäbe sich dann wohl von selbst.

PS: Es ist aber auch ein Irrtum, dieses „zurück zur Natur“ an „die Gesellschaft“ abgeben zu können. Politik ist stets eine individuelle Angelegenheit, und muss genau da auch zuerst entstehen, beim einzelnen Menschen. Das dann natürlich gerne auf dem CSD. (jl)

Mottooooooooooo!

Das waren noch Zeiten, als wir Frankfurter ein Motto hatten. Was gabs da aber auch schon dolle Sachen. Das schlagkräftigste war: „Einigkeit und Recht auf Gleichstellung“, das ja ursprünglich „Einigkeit und Recht auf Gleichheit“ hieß, aber abgesägt wurde, weil einige Community-MitgliederInnen daraus etwas fremdenfeindliches und nationalistisches zu basteln suchten, dafür sogar Prügeleien auf dem Aidshilfe-Sommerfest eingingen. Und: Welcher CSD kann denn schon eine Prügelei um das Motto sein eigen nennen?

Danach wurde es etwas ruhig, bis der (damals noch mit dem etwas sperrigen Namen agierende) Förderverein Zukunft Spenden e.V. sich eines Besseren besann und eins nach dem anderen förmlich raushaute.

„Eckstein, Eckstein, musst Du noch versteckt sein?“ war das erfolgreichste der erfolglosen. Sogar das Magazin (Achtung!) „Schwulissimo“, selbst kein Repräsentant origineller und schöner Namen, wählte uns zum schlechtesten Motto. Grund dafür war (nochmal Achtung!) der Hinweis, dass man sich heute ja nicht mehr zu verstecken brauche, als Schwuler oder Lesbe oder als Transgender oder Intersexuelle/r. Alles klar?

Noch heute werde ich auf dieses Motto angesprochen (selbstredend unter Aussparung jedweder Reflexion, ob es doch zutreffen könnte) und immer wieder bin ich dann doch etwas stolz darauf, denn wer kann von seinem Motto schon behaupten, dass man es drei Jahre später noch zitieren kann?

Als nächstes kam „Habemus Homo“. Der Papst wurde gerade gewählt – zugegeben die Mottofindung fand im Winter statt – und da dachten wir uns, es könnte doch mal ganz hübsch sein festzustellen, dass wir alles Menschen sind (oder haben) und dass die Kirche das in weiten Teilen noch nicht so sehe. Wer konnte denn ahnen, dass Franziskus ein derart wortliberaler Mensch sein und sogar den Schwulen einen Platz unter Gottes Himmel zusprechen würde (von Lesben, Trans- und Inter-Menschen sprach er nicht)?

Wir wären aber natürlich nicht in Deutschland oder ganz allgemein unter Bildungsbürgern, wenn man uns nicht sogleich auf die falsche Deklination hingewiesen hätte (leider habe ich schon wieder vergessen, wie es richtig hätte heißen müssen) – Einer drohte sogar, nicht auf den CSD zu kommen und war am CSD-Samstag dann doch sogar im Backstage zu sehen.

Ja, wir hätten es uns einfach machen können mit Motti wie „Alle sind eins!“, „Jetzt sofort alle Rechte für uns!“, „Nie wieder Diskriminierung!“, „Die Sonne scheint nur am Tage!“ oder ähnlichen Imperativen in ähnlichen Fassungen und Wortlauten. Haben wir aber nicht, und wir haben uns wirklich immer Mühe gegeben, das nicht zu tun.

Jetzt gönnen wir uns und allen anderen mal eine Mottopause, aber, um ehrlich zu sein, mir fehlt es schon wieder, das ganze Getue um ein Motto, eines, das niemand so recht mag, und deshalb noch so viele Jahre darüber sinniert und diskutiert! (jl)